Achim Peters | Das egoistische Gehirn

Warum unser Kopf Diäten sabotiert und gegen den eigenen Körper kämpft

Ullstein , März 2011

Ich hätte dieses Buch fast nicht gekauft, weil ich mich kolossal über den Untertitel geärgert habe. Wie kann man für ein so interessantes und wichtiges Thema einen Untertitel mit einer derart negativen Konnotation wählen.

Trotzdem habe ich es gekauft und gelesen und bin froh drum. Spannend und anschaulich, wenn auch manchmal etwas langatmig, beschreibt Achim Peters seine Forschungsergebnisse über den Energiestoffwechsel des Gehirns und seine Schlussfolgerungen daraus.

Das Gehirn ist absolut abhängig von Glucose als Energieträger und hat verschiedene Systeme mit denen es selbst aktiv seine Versorgung sichert auch wenn das bedeutet, dass die übrigen Organe schlechter mit Energie versorgt werden oder der Körper zu viel Energie aufnimmt und als Fett einlagern muss. Diese Fähigkeit des Gehirns, sich jederzeit optimal zu versorgen, hat uns zu dem gemacht, was wir sind, und nur wenn jedes einzelne Neuron ausreichend Glucose hat, fühlen wir uns so richtig wohl.

Das wichtigste dieser Systeme ist das gut erforschte Stresssystem. Da das Stresssystem in seiner Funktion geprägt wird von den emotionalen Erfahrungen, die wir machen (wir haben alle unsere eigene Stressbiographie), ist nachvollziehbar, dass es einen engen Zusammenhang gibt zwischen emotionalem und metabolischem Lernen. Das heißt wie wir mit Stress umgehen, beeinflusst die Fähigkeit des Gehirns sich mit Energie zu versorgen, aber auch dass wir vom Gehirn veranlasst werden, mehr zu essen, wenn dieses System nicht mehr gut funktioniert.

Auch wenn ich immer misstrauisch werde, wenn Wissenschaftler anfangen, in Absolutismen zu reden z.B. „…dieser Energieverteilungsstörung eine Brain-Pull-Inkompetenz zugrunde liegt, und zwar ausnahmslos.“ (S. 164) ist für mich das wichtigste Fazit dieses Buches, dass Schluss sein muss mit der Stigmatisierung übergewichtiger Menschen, die nicht Schuld sind an ihrem Schicksal. Wir müssen unsere Maßnahmen zur Prävention und Behandlung von Adipositas und Diabetes Mellitus Typ2 grundlegend überdenken. Wenn dieses Buch die Diskussion anregt, ist es ein Erfolg.

Auch wenn das Buch vollgestopft ist mit Informationen vermisse ich zum einen die Magersucht, die ja einschneidende Folgen für den Gehirnstoffwechsel hat, zum anderen Überlegungen zu der Rolle sozialer Netzwerke für unser Ernährungsverhalten.

Was fehlt ist ein Stichwortregister, und dass die Referenzliste als fortlaufender Text geschrieben ist, ist eine Zumutung, aber das ließe sich in einer zweiten Auflage ja ändern. Über den Untertitel ärgere ich mich immer noch.

Alles in allem ein lesenswertes Buch mit Schwächen.

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